Von der Mall zum Gericht
Freitag, 16. März bis Sonntag, 18. März
An diesem Wochenende fand in Little Rock ein Austauschschülertreffen statt. Dabei waren alle ausländischen Schüler von allen Veranstaltern in Arkansas eingeladen. Insgesamt standen wohl weit über hundertfünfzig Namen auf der Liste.
Am Freitag fand die Anmeldung, das "Kennenlernen", sowie die Begrüßung durch die Frau des Gouverneurs statt.
Als Kulisse wurde stilgemäß das alte Rathaus inmitten von Little Rock mit schneeweißer Säulenhalle gewählt. Schüler, die außerhalb von Little Rock wohnten, wurden für die drei Tage bei Gastfamilien in Little Rock untergebracht.
Den freien Abend verbrachten die meisten von uns in den sogenannten Malls, d.h. in den großen Einkaufspassagen von Little Rock mit seinen vielen Kinos.
Diese Passagen waren die wichtigsten Ziele für Jugendliche, um freitags oder samstags am Abend Freunde zu treffen. Es gibt hier neben mehreren Kinos auch Fast-Food-Restaurants und Spielautomaten. Diese sind nachts auch bewacht und beleuchtet, also entsprechend sicher, und meist bis 24 Uhr geöffnet. Da man unter 21 Jahren weder Diskotheken noch Bars betreten darf, bleiben die Malls also die einzigen Ausflugsziele.
Am Samstag wurden ganztags verschiedene Workshops angeboten, in denen wir die Grundzüge der amerikanischen Kultur und Lebensweise besser kennenlernen und auch praktisch erfahren konnten. Am Vormittag belegte ich einen Kurs, der uns in die Vorgänge der amerikanischen Finanzwirtschaft, vor allem natürlich Wall Street, einführte. Es war sogar ein Broker von der New Yorker Börse eingeladen. Nachdem alle Klarheiten, die Finanzwelt betreffend, restlos beseitigt waren, stand bei allen Teilnehmern Kultur auf dem Programm.
Durch Beteiligung an weiterführenden Finanzdiskussionen im kleinen Kreis konnte ich zwar verzögern, aber doch nicht ganz verhindern, dass man auch mich zum Square Dance aufrief. Nachdem dann mit Mühe und Not die Grundschritte und -formationen einigermaßen saßen, sollte es wirklich zur Sache gehen: das Ganze mit Musik. Die anfänglichen Tumulte lösten sich mit dem Eintreten von Muskelkater langsam auf, und zum Schluss der zweiten Stunde waren alle recht gut dabei. Die Begeisterung der Musiker und der amerikanischen Betreuer steckte jeden an.
Als nächster Punkt der körperlichen Betätigung war Schlangestehen zum Mittagessen angesagt. Das Menü konnte erraten werden: Cheeseburger, Coke, Eis.
So gestärkt, begannen kurz darauf die Nachmittagsprogramme. Dabei konnte man einen Fernsehsender oder das Capitol besichtigen oder, wie ich, an einer Gerichtsverhandlung teilnehmen. Unter dem Vorsitz eines amtlichen Richters inszenierten zwei professionelle Pflichtverteidiger einen vor kurzem abgeschlossenen Mordfall. Dabei spielten Austauschschüler den Angeklagten, die Zeugen und auch die Geschworenen. Die Tat, ein Totschlag auf der Autobahn nach kurzer Verfolgung und Nötigung eines Autofahrers durch einen anderen, wurde nach unserer Überzeugung als Geschworene in Notwehr ausgeführt und die Verhandlung endete, wie im echten Fall, mit Freispruch.
Nach so viel Beschäftigung am Tag fand abends eine Party mit Amerikanern in einer Sporthalle statt, deren stilvollen Abschluss der Top-Gun-Titelsong "Take my Breath Away" bildete.
Sonntagvormittag stand uns der Little Rock Athletic Club mit allen Einrichtungen wie Kraftraum, Squashcourts, Volleyballfeldern und Leichtathletikeinrichtungen kostenlos zur Verfügung.
Gegen Mittag wurde George Fisher, ein berühmter Karikaturist in den USA, eingeladen, der auch einige seiner Werke mit persönlichen Widmungen an uns verschenkte. Nach dem Mittagessen endete das offizielle Programm.
Diese Veranstaltung war eine echte Bereicherung für uns Gastschüler. Die drei Tage waren sehr gut organisiert, die angebotenen Programme typisch amerikanisch. Von meinem Träger her waren wir in Arkansas mit unseren monatlichen Veranstaltungen aber anscheinend "verwöhnt" geworden, da viele andere Gastschüler vielleicht mal andere Gastschüler trafen, bzw. ab und zu ein Gastschülerprogramm erlebten. Jedenfalls war es eine gute Idee, möglichst alle Gastschüler eines Staates für einige Tage zusammenzubringen.

