Utopie der WASP-Vorstädte

Weiß, sauber und problemlos

Manchem Austauschschüler wird auffallen, dass seine Familie doch in einem ziemlich homogenen, weißen Viertel, einer "neighborhood" lebt, überwiegend bestehend aus Angehörigen der "White Anglo-Saxon Protestants" (WASP). Wo verbergen sich die anderen und wie kommt es zu der Trennung? Was steckt dahinter? Der folgende Artikel fasst zwei Beiträge auf Youtube zusammen.

Es war die amerikanische Immobilienpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg,  die die Weichen für die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen weißer und farbiger Bevölkerung stellte, die heute noch so augenfällig ist.
So wurde in den 1930ern die Federal Housing Administration (FHA) von der Regierung eingerichtet, um den Durchschnittsamerikaner beim Hausbau mit Darlehen zu unterstützen. Schließlich gehört zum sogenannten "American Dream" der weißen Familien seit eh und je das Eigenheim. Ende der Vierziger Jahre hieß der American Dream dann "suburbia", also Vorstadt. Wie kam es dazu?

Die Vorstädte, Schlafgemeinden, schossen wie Pilze aus dem Boden, nachdem insbesondere den heimkehrenden Kriegsveteranen vermittelt wurde: "You can afford a new home - buy a new home now!" Dank der G.I. Bill, die ihnen u.a. Kredite zum Hausbau gewährte, konnte sich tatsächlich (fast) jeder ein eigenes Haus leisten. Zudem ebnete ein neuer Finanzierungsplan, im Grunde bis heute gültig, vielen den Weg: statt einer Anzahlung von 50%, wie davor üblich, mussten von nun an nur noch 10 bis 20 % angezahlt werden - der Rest wurde von der Bank vorgestreckt und konnte über einen Zeitraum von 30 statt der bisher üblichen fünf Jahre zu niedrigen Zinssätzen abgezahlt werden. So entstand beispielsweise auf Long Island, auf einem ehemaligen Kartoffelacker, Levittown, mit 17.000 Häusern.
Da die monatliche Hypothekenrate eines Eigenheims teilweise fast nur ein Drittel der Monatsmiete einer Wohnung betrug (z.B. 65 $ gegenüber 150 $), war es nicht weiter verwunderlich, dass in den Außenbezirken großer Städte in rascher Folge ganz neue Gemeinden entstanden.
Mithilfe von Steuergeldern wurde das Einfamilienhaus zum Massenkonsumgut!

"Constructing Whiteness" - regierungsgeförderte Rassentrennung

Die finanzielle Förderung der US-Regierung betrug zwischen 1934 und 1962 hundertzwanzig Milliarden Dollar. Ein stattliches Sümmchen, das der Staat seinen Bürgern da zur Verfügung stellte …
All seinen Bürgern? Nein, nicht der farbigen Bevölkerung, die gerade zu diesen Zeiten das Stiefkind der Nation war. Farbige erhielten weniger als 2 % des Milliardenbetrags. Die Million schwarzer GIs, die im Krieg schon in getrennten "segregated ranks" (die "Negerbataillone" in Berlin) kämpfen musste, und nun nach ihrer Rückkehr in die Heimat ebenso von den Förderprogrammen der Regierung profitieren wollte, die auch den Traum vom Eigenheim in einer beschaulichen Vorstadt träumte,  wurde subtil aber nachdrücklich daran gehindert. So gab die FHA in ihren offiziellen Dokumenten Warnungen heraus, dass schon eine oder zwei farbige Familien den Wert eines Vororts mindern könnten und damit ein finanzielles Risiko darstellten.
An diesen Leitfaden hielt sich die Privatwirtschaft, Banken, Versicherungen etc., und so erhielten farbige Interessenten den abschlägigen Bescheid, Haus- oder Grundsatzbesitzer hätten sich "noch nicht dazu entschlossen, an Neger zu verkaufen".
Im Film zitiert das schwarze Paar Bernice und Eugene Burnett nach dem Besuch ihres Traum- Modellhauses den Verkäufer mit den Worten: "The owners of the development have not as yet decided to sell these homes to negroes".

Zudem veröffentlichte die US-Regierung in den Dreißiger Jahren ein nationales Bewertungssystem (National Appraisal System), nach dem 239 Städte auf finanzielle Risiken überprüft und in vier verschiedene Zonen eingeteilt wurden, von Rot wie "risikoreich" (hazardous) bis zur Bestnote Grün. Da ein Kriterium des Schemas die Rasse der Bevölkerung betraf, überrascht es nicht, dass Viertel mit ethnischen Minderheiten durchweg als gefährdet eingestuft wurden, während die rein weißen Viertel Bestnoten erhielten.
Paradebeispiel dieser rassistischen Erschließung der Vororte lieferte Detroit: um eine bessere Bewertung zu bekommen, errichteten die Bewohner eines "weißen Viertels" an der Eight-Mile-Road eine zwei Meter hohe Mauer zwischen sich und "Risiko"-Gemeinden …

In ihren "segregated communities" verschmolzen derweil Amerikaner unterschiedlichster Herkunft und Religionen zu einer Rasse: der weißen. Während zuvor "weiß sein" bedeutete, ein christlicher Bürger zu sein, hieß es jetzt auch, im Vorort zu leben. So erschuf sich die weiße Mittelschicht ihre Utopie in Form von "idyllischen weißen Vorstadtvierteln", in denen völlig verdrängt wurde, dass sie in einer viele Rassen umfassenden Welt lebte.

Hier auch die Beobachtungen eines Gastschülers.

 Quellen: RACISM IN AMERICA. WHO STARTED IT, Teil III und Teil IV, sehenswert ferner die Teile I und II. Na sowas aber auch!