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Themen:
Fahnenverehrung ...
Stolz, Amerikaner zu sein - Proud to be American
Die schweizerische Publizistin Lotta Suter, Boston, fragt in "Kein Frieden mehr - Die USA im Kriegszustand":
- "Woher kommt dieser Stolz? Wieso umarmen ausgerechnet Menschen, denen der Staat Menschenrechte wie Bildung, Gesundheitsvorsorge und soziale Sicherheit vorenthält, ihr Land in seiner ganzen symbolischen Größe?
- Wieso meinen selbst meine linksliberalen Bekannten in der lokalen Friedensbewegung, die gegenwärtigen Krisen und Kriege der USA stellten eine bloße Verirrung der Geschichte dar? Und wir alle seien nur eine Präsidentenwahl von der Rückkehr zur großartigen Nation entfernt?
- Wieso ist die Beziehung so vieler US-BürgerInnen zu ihrem Land mehr religiös als politisch gefärbt, nämlich von den christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung, denn von aufgeklärter Kritik, von Engagement und Partizipation?
- Wieso werden die USA im öffentlichen Diskurs so hartnäckig und so ehrfürchtig als Leuchtturm der Freiheit, als letzte Hoffnung für die Menschheit gefeiert und nicht einfach unzimperlich angefasst wie jede andere moderne wandlungsfähige und wandlungsbedürftige Demokratie?
Tja, Lotta, was sollen wir antworten? Die Geschichte liegt eben außerhalb der Vernunft. Außerdem wurden uns doch Rosinenbomber geschickt und die Amerikaner haben uns vor den Russen beschützt. Andere haben andere Erfahrungen.
Bei diesem Fahnenkult wird übrigens in der Fassung von 1954 folgendes gesprochen, wobei der Herr auch hier anscheinend der Anführer ist, denn die Nation ist seit diesem Jahr "unter" ihm. Der Zusatz ist Werk des presbyterianischen Pfaffen George MacPherson Docherty:
I pledge allegiance to the Flag
of the United States of America,
and to the Republic for which it stands:
one Nation under God, indivisible,
With Liberty and Justice for all.
Verfolgt man obigen Link etwas weiter, so finden sich ganz interessante bis amüsante (Vorsicht, nur für uns!) Vorschriften zum Umgang mit der Flagge.
- So solle sie nichts, was unter ihr liegt, berühren, weder Boden, Wasser noch schnöde Waren (sic! und das im Land des Konsums!)
- Sie sei stets aufrecht zu tragen, nie flach oder waagerecht.
- Ferner dürfe sie weder als Wandzierde noch als Kleidung, Bettzeug oder sonstiges Tuch missbraucht werden
- Sie solle nicht zur Beförderung irgendwelcher Gegenstände dienen.
- Zuletzt repräsentiere die Flagge auch noch ein lebendes Land, ja sie sei auch selbst ein Lebewesen, so dass ein Anstecker in Form der Fahne am Revers einer Jacke auch immer links beim Herzen zu tragen sei.
- Gehe es mit der Herrlichkeit der Fahne wegen Altersschwäche o.ä. zu Ende, so bereite man ihr eine würdevolle Beerdigung. Am besten durch ... Verbrennen, jawoll !!!
Gegen ein Gebot hat Bush übrigens auf seinem Flugzeugträger verstoßen, gewiss sanktioniert durch die Wichtigkeit seiner Nachricht, die er heute am liebsten vergessen würde:
Die Flagge soll nie mit irgendwelchen Insignien, Wörtern, Bildern usw. besetzt sein.
Interessant ist die Geschichte dieses Flaggenschwurs. Er geht auf Francis Bellamy (1855-1931), zurück und erschien 1892 im Rahmen der Schulfeierlichkeiten zum 400 Jahrestag der Entdeckung Amerikas, dem "Columbus Day" im Kindermagazin "The Youth's Companion". Die Feiern wurden organisiert, na, von wem? Einem Händler, James B. Upham, der amerikanische Flaggen und anderen nationalischen Krimskram an öffentliche Schulen verhökerte.
Das erinnert gerade an die Einführung des Muttertages 1922/23 in Deutschland durch den Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber.
Ursprünglich hatte Bellamy zunächst auch die Worte Gleichheit und Brüderlichkeit - "equality" und "fraternity", analog dem franz. "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", unter Pétains Vichyregierung: "Arbeit, Familie, Vaterland", also "Travail, famille, patrie" - enthalten sollen. Das wurde als zu brisant verworfen. Warum? Nun, weil zu viele Amerikaner gleichen Rechten für das niedrige Weibervolk und schwarzen Negern abhold waren. Pfui Deibel, aber auch! Welchen Geschlechts und welcher Farbe erstere wohl waren?
Eine weitere pikante Tatsache: ursprünglich wurde der Eid ähnlich dem Hitlergruß ausgeführt (Bellamy salute), erst mit der Handfläche nach oben, dann wie derselbe, mit der Handfläche nach unten. Erst Roosevelt führte eine Änderung mit der rechten Hand auf dem Herzen ein, eben wegen Hitler.
Verbindlich an allen öffentlichen Schulen eingeführt wurde das Ritual 1940, aber schon 1943 entschied das Oberste Gericht, dass eine "erzwungene Vereinheitlichung der Meinungen ("compulsory unification of opinion") gegen einen Verfassungsartikel verstoße. Warum die Praxis dieser Entscheidung widerspricht, wissen wir nicht.
Erstmals seit langer Zeit stellte ein Gericht 2006 in Florida fest, dass ein entsprechendes Gesetz des Staates Florida gegen die Verfassung verstoße.
Es könnte spannend werden ...
Buy American
Übrigens auch dieser Spruch mit dem die Amerikaner immer wieder mal die Welt ärgern, ist natürlich Ausfluss dieses typisch nationalistischen Denkens. Es bedeutet letztlich, dass man lieber überteuerte oder minderwertige Waren kaufen soll, nur weil sie im Lande hergestellt wurden. Damit wird die Produktion von Schrott natürlich perpetuiert.
Flagge zeigen - aber bitte die echte
Das Nationalgefühl der Amerikaner befasst sich auch mit kleinen Dingen. So begann vor einigen Jahren eine große Protestbewegung gegen US-Flaggen aus Asien. Anstoß war u.a. die Beerdigung einer Sanitätsveteranin. Ihr wurde die amerikanische Flagge auf den Sarg gelegt, wobei es sich jedoch um ein Billigimport aus Thailand handelte. Das entrüstete den Neffen der Verstorbenen. Er meinte, die Flagge sei den Soldaten so wichtig, dass sie ihr Leben dafür gäben; und nun importierten sie die Amerikaner aus Asien!
So begann er mit Gleichgesinnten, gegen dieses unlautere Verhalten vorzugehen. Inzwischen gibt es im Bundesstaat der Verstorbenen, New Jersey, ein Gesetz, das Behörden den Import von US-Flaggen verbietet. Parteiübergreifend fordern einige Amerikaner ein grundsätzliches Verbot von im Ausland hergestellten US-Fahnen. Schließlich werden sie mit Steuergeldern bezahlt und sollten daher auch aus dem Heimatland stammen.
Bei der Debatte geht es um viel Geld, denn in Amerika werden viele Flaggen gebraucht. In jedem Schulzimmer steht eine, auf die die Kinder jeden Morgen einen Eid schwören. Der Warenwert des jährlichen Imports liegt bei rund fünfeinhalb Millionen Dollar.
In Minnesota gilt es als solches Verbrechen, eine importierte US-Flagge in der Öffentlichkeit zu zeigen, dass Bußgelder von bis zu tausend Dollar drohen. Außerdem sind Freiheitsstrafen von bis zu drei Monaten möglich.
Ein spöttischer Zeitungsleser meinte dazu, man solle doch auch die Freiheitsstatue verbieten. Sie sei schließlich in Frankreich hergestellt worden …


Kommentare
Pflichtübungen
Nationalhymne
Da fällt mir was zu England ein, ein Ritual, das einfach wegen Unzeitgemäßheit unterging und sang- und klanglos abgeschafft wurde. Keine Fahne, aber ein Lied. Was war´s?
In Großbritannien erklang bis Mitte der Sechziger Jahre in jedem Kino und vor jedem Film die Nationalhymne. Alle standen auf, sangen mit, so der ursprüngliche Usus.
Das verkam allerdings mit der Zeit zu einem reinen Pflichtprogramm, denn die Leute blieben sitzen, unterhielten sich, knabberten Chips, rauchten oder was immer sie in Kinos so tun.