Politisches Verständnis

Obwohl hier schon allein aus Platzgründen eine gründliche Analyse der amerikanischen politischen Denkweise nicht erbracht werden kann, so merkt man in den USA doch ein anderes Verhältnis zur Politik, als es in Westeuropa vorherrschend ist.
Politik läuft in den Vereinigten Staaten deutlich auf zwei Ebenen ab, und dies spiegelt auch die Denkweise der meisten jungen Amerikaner wider.
Es existiert in jeder Region ein ausgeprägter lokaler Bezug, eine Verbundenheit, wie wir sie bei uns kaum kennen. Man informiert sich über die Angelegenheiten des eigenen engen Lebensraumes, also im Grunde der Stadt oder der Gemeinde. Die Ebene des Einzelstaates ist dann bereits relativ weit entfernt, die Politik der übrigen 49 Staaten scheint praktisch keine Rolle zu spielen.

Der zweite Bezugspunkt, der dann wieder dem Einzelnen etwas nähersteht, ist die politische Vertretung des Wahlkreises oder der Region in Washington. Wie weit nun der Bürger seinen Abgeordneten im House of Rep. oder seinen Senator (jeder Staat hat zwei) im Senat kennt, ist vom persönlichen Engagement abhängig, aber es erstaunt, dass seit längerem im Congress sitzende, fähige Politiker des eigenen Wahlkreises bei den Amerikanern viel besser bekannt sind, als dies z.B. bei uns der Fall ist.
Dies mag auch damit zusammenhängen, dass amerikanische Politiker ihre Wahlkämpfe aus eigenen Mitteln finanzieren müssen und zwangsläufig auf ein enges Verhältnis mit ihrer Wählerschaft angewiesen sind. Dazu gehört auch, dass Politiker auch als Bewerber für höhere Ämter mal auf Parkplätzen vor Einkaufszentren angetroffen werden können. Gerade vor Wahlen finden sich dann im Verhältnis zu Deutschland wesentlich mehr freiwillige "campaign aides", also Leute zum Plakatkleben, Button-Verteilen etc. Dass es nach den Wahlen um die Politiker etwas ruhiger wird, ist selbstverständlich, aber in wichtigen Fragen wie z.B. Abtreibungsgesetze, Sicherheit, Militäreinsätze etc. greifen amerikanische Politiker viel öfter auf ihre Klientel in den Wahlkreisen zurück und horchen nach Meinungen. Ihre Wiederwahl hängt sehr oft von ihrem "record" ab, d.h. von ihren Entscheidungen in den Abstimmungen, den ihre Gegner sehr breit auswalzen können.