Themen:
Alltag
Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten
Europa und die USA – so zahlreich die Gemeinsamkeiten sind, so groß sind auch die Gegensätze. Kommt der typische Mitteleuropäer beispielsweise in einen US-amerikanischen Haushalt, so ist das Erstaunen – bei manchen Dingen auch das Entsetzen – groß. In der Küche sorgen der riesige Kühlschrank mit Eiswürfelspender und der garbage disposal für große Augen. Bei letzterem handelt es sich um einen tiefen Abfluss in der Spüle, in dem Küchenabfälle zerhäckselt werden. In der Waschküche steht neben der Waschmaschine in jedem Fall auch der Trockner, und die Kleiderschränke sind keine Möbel, sondern Extra-Zimmer.
Amerikanische Großeltern sind nicht in langweilige beigebraune „gute“ Kleidung (Rock, Sakko, Stoffhose) gewandet, sondern in Jeans und Sweatshirt, mit Baseballcaps auf dem schütteren Haar. Eine Amerikanerin mag im Pyjama oder Jogginganzug zu McDonald’s oder in die Kirche gehen – aber nur tadellos geschminkt und mit gerichtetem Haar. Überhaupt, die Kirche! Eine Sache für sich. Wer in die ungewohnt herzliche Kirchengemeinde aufgenommen wird, fühlt sich im Allgemeinen auch als Atheist wohl unter den fröhlichen Frommen.
Herzlich geht es auch in Geschäften, im Fastfoodrestaurant und anderswo im öffentlichen Leben zu. Was Zyniker oberflächlich tadeln, fehlt hinterher so manchem in der Servicewüste Deutschlands: die Angestellten sind durchweg freundlich (man könnte sogar sagen „honigsüß“), stellen sich mit Namen vor, erkundigen sich nach dem Befinden und wo man denn herkomme. Hier ist der Kunde tatsächlich König.
Spazierengehen kennt man nicht; stattdessen ist das „cruisen“, also das ziellose Umherfahren mit dem Auto, trotz gestiegener Spritpreise ein beliebter Zeitvertreib unter den Jugendlichen. Unvergessen ist American Graffiti, ein Film der allen Jugendlichen gefallen wird. Leider erst ab 16 Jahren ...
Ungewohnt sind auch die riesigen Werbeplakate, die die amerikanischen Landstraßen säumen und verunzieren.
Auch kulinarisch tun sich größere und kleinere Gräben auf: Popkorn wird im Allgemeinen nicht mit Zucker, sondern mit Salz und viiiel Butter verzehrt – und natürlich in XL. Kürbisse wandern nicht in die Suppe, sondern in den süßen pumpkin pie – natürlich erst, nachdem man sie ausgehöhlt und für Halloween mit einer schaurigen Fratze verziert hat. Selbst ein in Europa ausgebildeter Küchenchef würde sich hüten, einem Durchschnittsamerikaner in einem (gehobenen) Durchschnittsrestaurant einen ganzen Fisch, also mit Kopf und Flossen, zu servieren. Hier regiert das Filet! Schokolade erinnert an gezuckertes, gefärbtes Wachs. Es ist unglaublich, welche Freude man Amerikaner machen kann, wenn man sie mit netten Geschenken aus Schokolade versorgt. Ein guter Geschenktipp.
Dafür lassen riesige Eisbecher mit Cookie-Krümeln, Karamellsoße, zerkleinerten Smarties und Pecannüssen die Pfunde auf den Hüften wachsen.
Dagegen hilft nur eins: Sport! Gut, dass das Angebot an amerikanischen Highschools um einiges größer ist als bei uns. Basketball, Volleyball, Cheerleading (denn auch das ist harter Sport!), Football, Baseball oder, für Frauen, Softball sind nur die bekannteren Sportarten, die dort begeistert gespielt und gefördert werden. Da das Vereinswesen fehlt, toben sich Amerikaner eben an ihrer Schule aus – was gleichzeitig den viel gerühmten „school spirit“ festigt.


Kommentare
Schein und Sein
Gute Verkäufer
Mag sein, dass einem hier Zuvorkommenheit und Freundlichkeit fehlen. Der Kunde wird hier eher als lästig empfunden, wenn er mit irgendwelchen Anliegen kommt, besonders bei Reklamationen oder wenn der Angestellte sich bewegen muss u.ä., aber drückt das „honigsüß“ denn nicht aus, dass es sich um eine aufgetragene Höflichkeit handelt?
Kann das Personal wirklich interessiert sein, wie es einem denn gehe? Kriegen die Angestellen keinen Schrecken, wenn man antwortete: "Schlecht", oder: "So lala, aber ich habe Probleme mit ..."? Wollen sie das hören? Darf man in Amerika Probleme haben? Man darf doch nur eins auf die Frage "How are you" o.ä. antworten: "Fine" etc., oder? Die Frage ist doch nur eine Einleitungsfloskel, ein Übergang zu anderem. Verkaufen.
Da kommen schon die ersten
Da kommen schon die ersten Zyniker ...!
Wer hätte denn Interesse, dem Supermarktangestellten tatsächlich von seinen Beziehungsproblemen, Rückenschmerzen, Geldsorgen u.Ä. zu erzählen? Muss Höflichkeit gleich "aufgesetzt" sein, nur weil jemand freundlich Smalltalk betreibt? Fühlen wir uns betrogen, weil sich ein Verkäufer freundlich nach unserem Befinden erkundigt, obwohl ihm die ganze Zeit nur der eigene schmerzende Backenzahn im Kopf herumspukt? Erwarten wir tatsächlich ein ehrliches Verhältnis von unserer Bäckerin? Wollen wir wirklich im Jeansladen unser Herz ausschütten?
Ist ein miesepetriger deutscher Angestellter deswegen ehrlich, wenn er dem Kunden seine schlechte Laune (wegen Beziehungsproblemen, Rückenschmerzen, Geldsorgen ...) aufdrückt - die doch mit diesem persönlich meist garnichts zu tun hat?
Ob übertragene schlechte Laune oder aufgesetzte Höflichkeit: Ziel ist es ja eigentlich - und das dürfte uns als Mitgliedern einer kapitalistischen Gesellschaft klar sein - den Kunden in eine gute (=kauffreudige) Stimmung zu versetzen.
Hallo Hanna, mag ja sein dass ...
Hallo Hanna,
mag ja sein. dass wir Zyniker sind. Das Gegenteil ist aber die rosarote Brille, durch die Du den amerikanischen Alltag siehst. Denn dazu gehören auch viele - so leid es mir tut - negative Seiten.
Zum Beispiel die fast absolute Unterbrechung der sogenannten Sturm-und-Drang-Phase und eine fast schon perfide Kontrolle über "Minderjährige" durch deren Gasteltern.
Wenn man sich bei uns in Deutschland mit 15-16 Jahren Lebansalter schon einen gewissen Grad an Unabhängigkeit bei seinen Eltern erkämpft hat, kann man dies in den USA wieder komplett vergessen - nicht gerade persönlichkeitsfördernd.
Bei mir wars so: Ich hatte mit 15 schon geraucht, getrunken und war freitags bis 1 in der Disco. In Kalifornien war es dann damit vorbei. Stattdessen musste ich meinen Gasteltern bis ins haarkleinste letzte Detail jeden Tag einen Plan vorlegen, was ich denn in meiner Freizeit zu tun gedenke - was für ein Wahnsinn! Wenn man nicht in das für USA typische Rollenmuster passt (sportbegeistert, sonntags in die Kirche, immer aufgesetzt freundlich) ist man schnell ein Außenseiter. Dieses Rollenmuster mitten in der eigenen Pubertät zu erfüllen, sehe ich als fast unmöglich an.
Nee nee, so begeistert viele von den USA auch sind - man muss sich klar machen, dass man dort in der Entfaltung seiner Persönlichkeit sehr eingeschränkt wird. Ich werde meine Kinder nicht weg von zu Hause schicken. Es sei denn, sie bestehen aus eigenem Antrieb darauf.
MfG,
Fin
Kopf, Flossen, Schwanz
Realitäten im Leben
Ja, das stimmt wohl. Aber auch hier las ich neulich in einem Artikel einer hiesigen Zeitung über Forellengerichte, dass der Trend zum Filet, ohne Kopf etc. gehe.
Mit anderen Worten: die Leute halten den Anblick psychisch nicht aus; Ekelgefühle, Widerwillen stellen sich ein. Nichts darf an das tote Viech erinnern. Daher fehlen auch alle Knochen beim Fleisch, das im Supermarkt erhätlich ist.
Das Steak ist kein totes Rind, sondern kommt möglichst als ein genormtes viereckiges Etwas oder ein runder Bratling der bekannten amerikanischen Klopsereien daher.
So werden Austern beispielsweise in den USA in der Regel gekocht verzehrt.
Was würde passieren, wenn Muscheln oder Schnecken auf den Tisch kämen?
Nur in ausgesprochenen Gourmetlokalen verhält sich das anders.
In einem anderen Bericht wurde darüber lamentiert, dass Kinder glaubten, die Milch stamme aus der Tüte. Erfahren sie, dass sie aus dem Euter kommt, so stellen sie entrüstet und angeekelt das Milchtrinken ein.
Über diese Dinge hat ja schon Nobert Elias berichtet im "Über den Prozeß der Zivilisation", und zwar mit den Wandlungen des Verhaltens der weltlichen Oberschichten und den Wandlungen der Gesellschaft, ein Standardwerk, unentbehrlich, wenn man sich etwas mit europäischer Geschichte und menschlichen Gesellschaften beschäftigt.
Nebenbei: Wer sich ein wenig schlau machen will, wie es mit der Lebensmittelindustrie in den Vereinigten Staaten ausschaut, der sehe sich mal folgenden Dokumentarfilm von Robert Kenner, USA 2008, Food, Inc., an. Liegt in mehreren Teilen auf You Tube, Hier mal ein Anfang aus den vielen Filmschnibbeln (9 Teile bei dieser Version) und hier mal was über Hühner. Spätestens seit "We Feed the World" weiß man ja Bescheid, aber hier geht es speziell noch mal um die amerikanische Nahrungmittelindustrie, deren meistverbreitestes Produkt - man höre und staune - Mais ist und verborgen in allen möglichen Nahrungsmitteln steckt.
Die durch Schrottnahrung erzeugten Kosten im Gesundheitsweisen sind horrend. Herz- und Kreislaufkrankheiten, ja sogar Diabetes bei jungen Leuten sind auf dem Vormarsch und werden bald die durchs Rauchen bewirkten Krankheiten - bislang Nr. Eins - als Hauptkostentreiber ablösen.