Religion in den USA
Konfessionen
Insgesamt gesehen ist die Mehrheit der USA religiös; in der Selbsteinschätzung 82 %. Laut einer Umfrage von 2001 der City University of New York ist etwas über die Hälfte der Bevölkerung protestantisch, nahezu ein Viertel römisch-katholisch, 3 % gehören der orthodoxen Kirche an, 2 % sind Mormonen, 1,4 % Juden und nur 0,5 % Muslime. In jeder noch so kleinen Stadt gibt es mindestens eine Kirche, die – ganz im Gegensatz zu Europa – unabhängig von Alter oder sozialer Klasse rege besucht wird. In den USA zahlt man keine Kirchensteuer, weshalb die Kirchengemeinden von den Mitgliedsbeiträgen und Spenden ihrer Mitglieder leben. Dementsprechend organisieren die Kirchengemeinden Basare, Ausflüge und ähnliche Veranstaltungen.
Wer die riesigen, katakombenähnlichen Kirchen Europas mit ihren feierlich-steifen Gottesdiensten gewöhnt ist, stutzt beim Anblick einer typischen US-amerikanischen Kirche. Häufig ist sie als Gebäude nicht als solche zu erkennen, weder von innen, noch von außen. Die Gänge sind mit Teppichboden ausgelegt, es gibt Seminarräume, eine Bühne und Musikinstrumente, und alles in allem wirkt das Ganze mehr wie eine Schule. Und tatsächlich sind religiöse Amerikaner lernbegierig; haben ihre eigene Bibel zum Nachschlagen dabei und möchten ihre Religion begreifen und darüber diskutieren. In diesem Sinne predigt auch der Seelsorger, was viele Neuankömmlinge aus Europa zunächst schockiert. Keine Soutane, kein Weihrauch, keine gesalbten Sprüche. Stattdessen: casual clothes, Situationen aus dem Leben gegriffen, und die Predigt immer mal wieder gewürzt mit einem Schimpfwort oder einem spontanen „Shut up!“
Jugendliche und religiöses Leben
Kein Wunder, dass die Kirche auf diese Weise gerade auch die Jugendlichen erreicht, die sich verstanden und mit ihren Alltagsproblemen akzeptiert und wahrgenommen fühlen, zumal es beim Gottesdienst teilweise wie bei einem Rockkonzert zugehen kann. Da spielen Bands mit Schlagzeug, Keyboard und Gitarren richtig rockige Lieder, mit christlichem Text und absolut mitreißend. Dabei stehen dann gerne alle auf, singen aus voller Kehle mit, wippen und erheben die Arme. Wie bei einem richtigen Rockkonzert eben.
Die Kirche fungiert auch als sozialer Treffpunkt; so erzählen viele ehemalige Austauschschüler und Aupairs, wie herzlich und offen sie in der Kirchengemeinde aufgenommen wurden, in der es von Gleichaltrigen nur so wimmelte, die sich mit den Neuankömmlingen treffen wollten, sie zu Video-Abenden einluden und in der Bibelstunde für Jugendliche gespannt auf deren neuen Input warteten. Es ist also durchaus empfehlenswert, die Gastfamilie in ihre lutherische, presbyterianische oder baptistische Kirche zu begleiten, auch wenn man in der Heimat vielleicht Atheist ist oder einer anderen Konfession angehört.
Judentum
Auch das Judentum ist in den USA weit verbreitet – eine tolle Möglichkeit, diese Religion mal „von innen“ kennenzulernen, inmitten einer jüdischen Familie. Natürlich gibt es auch hier strenggläubige und eher permissive Juden, die ihre Religion nicht ausleben. Im Herzen einer jüdischen Familie erlebt man dann geheimnisvolle, fremde Bräuche, wie Shabbat Shalom am Freitagabend. Für 24 Stunden wollen religiöse Juden dann ihre Ruhe haben; nehmen das Telefon nicht mehr an, öffnen die Türe nicht mehr, hören kein Radio, sehen nicht fern, etc. Es herrscht absolute Ruhe.
Statt Weihnachten wird Hannukah gefeiert, eine ganze Woche lang. Wie bei einem Adventskranz wird an einem besonderen Leuchter jeden Tag eine Kerze mehr angezündet, und – es gibt jeden Tag kleine Geschenke für jeden. Um Ostern herum wird Passover begangen, Passah oder Pessach auf Deutsch. Hierbei trifft ganze Familie zusammen und liest in einem heiligen Buch namens Seder über die Geschichte des Passovers. Dazu werden hebräische Lieder gesungen, und es wird Petersilie und Ei in Salzwasser gegessen. Eine Art Brot namens Matzoh wird versteckt, von den Kindern gesucht, und dann von allen verzehrt.
Natürlich ist es auch möglich, in eine muslimische, buddhistische oder mormonische Familie zu kommen. In jedem Fall eine einzigartige Gelegenheit, über den – religiösen – Tellerrand hinwegzublicken. Welche Erfahrungen mit der Religiosität bzw. der Kirche in den USA habt ihr gemacht?

