Zur falschen Zeit am falschen Ort

Jugendgewalt – ein amerikanisches Problem

Sechzehn Jahre alt wurde er, der Junge aus Chicago, der beim Heimweg von der Schule durch ein gehobenes Viertel in eine Schlägerei geriet und zu Tode geprügelt wurde. Derrions Tod hätte sich, von der Öffentlichkeit relativ unbemerkt, in die Reihe der bisherigen jugendlichen Todesopfer der Stadt gereiht – das dritte dieses Schuljahres, das 67. der vergangenen zwei Jahre –, wenn sein gewaltsames Ableben nicht von den rivalisierenden Gangs, zwischen die er zufällig geraten war, in Happy Slapping-Manier gefilmt und ins Internet gestellt worden wäre.

Diese verwackelten, mit einer Handykamera aufgenommenen Momente sind die letzten aus Derrions Leben, und in ihrem Schockzustand spielen die Nachrichtensender sie wieder und wieder ab, als erschlösse sich beim zwanzigsten oder dreißigsten Mal Sehen der Sinn des Ganzen. Geschockt ist auch Präsident Obama, der einst just in diesem Teil Chicagos in der Sozialarbeit tätig war. Umgehend wurde Justizminister Eric Holder an die Metropole beordert, der jedoch nicht viel mehr tun konnte, als achselzuckend zuzugeben, dass Jugendgewalt kein lokales oder schwarzes Problem sei, sondern ein amerikanisches.

500 Schüler in Chicago wurden in den vergangenen Jahren Opfer von Banden-Schießereien. Im Umfeld von Derrions Schule kursieren Drogen, wohnen verarmte Familien und überarbeitete Alleinerziehende. Die Kinder und Jugendlichen, die dem tristen Zuhause entfliehen möchte, treffen auf der Straße auf Gleichgesinnte – die sich zu Banden zusammenschließen. Hier finden die jungen Leute im besten Fall Rückhalt; im schlimmsten Fall aber ein gemeinsames Opfer. Gruppengewalt eskaliert weit häufiger als andere Arten von Gewalt, will der Einzelne vor den anderen doch nicht sein Gesicht verlieren. Zudem wirkt in Gruppen die Verantwortungsdiffusion, d. h. die einzelnen Gruppenmitglieder fühlen weniger Verantwortung für ihre Taten, da sie ja „lediglich“ ein kleiner Teil eines großen Ganzen waren.

Wie reagiert die Politik? – Aller Wahrscheinlichkeit nach mit einer Lockerung des Waffenrechts. Es wird erwartet, dass die obersten Richter den Waffenbesitz als individuelles Grundrecht wieder erleichtern werden. Das Recht auf Selbstverteidigung sehen die Amerikaner schließlich seit Pionierzeiten als eines der Grundrechte an. Dass damit nur Öl ins Feuer gegossen wird, bzw. ganzen Horden gewaltbereiter Jugendlicher der Zugang zu Waffen erleichtert wird, sehen die Behörden offensichtlich nicht.

Zur falschen Zeit am falschen Ort sein – davor kann man sich nicht schützen, da kann man nichts vermeiden. Schon gar nicht, wenn es sich dabei um die Zeit handelt, zur Schule zu gehen, und um den Schulweg.