Mobile Home Parks
Wenn es so etwas wie eine amerikanische Familie der Mittelschicht gibt, so wird sie von meiner Gastfamilie repräsentiert. Ich hatte zwei "Brüder", 25 und 21 Jahre und eine "Schwester" im Alter von 26 Jahren; der Ehemann meiner Gastmutter war schon vor einigen Jahren verstorben. Hund und Katze durften natürlich nicht fehlen.
Der jüngere Bruder begann nach der High School zu arbeiten und biss sich bei verschiedenen Arbeitgebern und ganz unterschiedlichen Stellen durchs Leben.
Da die Jobaussichten nicht besonders rosig waren, nahm er verschiedene Gelegenheitsarbeiten von unterschiedlicher Dauer an. Er wurde auch immer wieder gekündigt. Ein anderes Mal (offensichtlich von den großen Anstrengungen abgeschreckt) löste er das Arbeitsverhältnis selbst auf. Genaugenommen wollte er noch nicht sein eigenes Geld verdienen und lieber ein unbeschwertes Leben auf Kosten seiner Mutter führen, die ihn als Jüngsten noch immer etwas verhätschelte.
Meinen zweiten Gastbruder, ein sehr lustiger, immer zu einem Scherz aufgelegter Kauz, könnte man als völlig gegensätzlich beschreiben. Er führte ein geregeltes Leben. Seit einigen Jahren schon arbeitete er bei Coca-Cola, kaufte sich ein Haus gegenüber dem seiner Mutter und heiratete früh. Fast jedes Wochenende besuchte er den Gottesdienst.
Deana, meine Gastschwester, hatte bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich. Sie lebte mit ihrer Tochter und ihrem Freund nicht weit entfernt in einem eigenen Haus, das auf Punmp gekauft wurde, so wie die meisten größeren Anschaffungen, insbesondere Autos. Als ich Jo Ann zwei Jahre später auf einer Reise durch die USA wieder besuchte, war meine Gastschwester bereits nach Dallas verzogen.
Auffallend ist eine starke räumliche Mobilität in den Vereinigten Staaten. Durchschnittlich zieht jeder Bürger alle fünf Jahre um, was wohl mit einem verhältnismäßig leichten beruflichen Wechsel und sozialen Aufstieg, der vertikale Mobilität, zusammenhängt. Diese hohe Bereitschaft zum Ortswechsel führte auch zum Entstehen sogenannter Mobile Home Parks. Ein "Mobile Home" könnte als bewegliches Haus bezeichnet werden. Um die starke Bindung an einen bestimmten Ort zu vermeiden, kauft man sich eben ein sogenanntes "Mobile Home", welches in vielen verschiedenen Spielarten erhältlich ist. Bei Bedarf übersiedelt man dann einfach mit seinem "Haus".
Auch ich hatte das Vergnügen in einem solchen Produkt amerikanischer Kultur zu wohnen. Eigentlich sehen diese Gebilde von außen schlimmer aus als von innen. Obwohl natürlich nichts in einem gut ausgestatteten Mobile Home fehlt (eine Klimaanlage gehört im Süden der USA zur normalen Ausstattung), konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, in einem großen überdimensionierten Wohnwagens zu hausen.
RM

