Geborgenheit und Gesang
Der Nachmittag stand im Zeichen religiöser Kultur. Mrs. Baxter fragte mich, ob ich Lust hätte, die Billy Graham Show mit ihr zu besuchen. Ich hatte bereits früher gehört, dass Billy Graham in der religiösen Szene "tätig" sei, aber mein Wissen war damit auch schon erschöpft. Da meine Gastfamilie presbyterianisch war und weder mit Sekten noch mit extzentrischen religiösen Richtungen etwas zu tun hatte, war ich doch neugierig, was wohl Mrs. Baxter und andere Amerikaner an Billy Graham faszinierte.
Die Veranstaltung fand im War-Memorial-Football-Stadion von Little Rock statt - vor mindestens 20.000 Menschen. Sie wurde sogar wie eine große Sportveranstaltung vom Fernsehen begleitet.
Die Einleitung übernahm einer der großen "Söhne" von Arkansas, der Countrysänger Johnny Cash. Er ist ein langjähriger Anhänger von Billy Graham und auch einer seiner wichtigsten Förderer - er alleine wirkt bereits als Publikumsmagnet.
Auf die etwa einstündige Einleitung folgte der Auftritt Billy Grahams - allerdings sah man von ihm etwa so viel wie von den anderen Mitwirkenden auf der Bühne - wegen Fernsehkameras und diversen Aufbauten kaum etwas. Dafür konnte man ihn aber gut hören. Sein langer Monolog wurde von "Spiritual"-Gesangseinlagen oft unterbrochen und war gefüllt von den Worten "praise", "Lord" und "God".
Nach etwa vier Stunden erreichte der Abend seinen Höhepunkt, als Billy Graham seine "Schafe" vor die Tribüne bat, um gemeinsam, Hand in Hand, das Schlusslied zu singen. Sogar alte Menschen, gestützt von je zwei Helfern, folgten seinem Ruf.
Obwohl Billy Graham von Gott redete und das Religöse aus der Veranstaltung nicht wegzudenken gewesen war, so habe ich doch den Eindruck gehabt, dass es den Menschen hauptsächlich auf das Gemeinschaftsgefühl ankam. In diesen wenigen Stunden fühlten sich alle gleichwertig und wohlbehütet - man sang und sprach über Gott, aber das Beisammensein übermittelte vielmehr das Gefühl der Geborgenheit. Das Besinnen auf Gott als höhere, beschützende Instanz trug zu dieser Stimmungslage wesentlich bei.

