Der Physiker und die Büchermafia
Buchattrappe zum Unterricht empfohlen
Eine Ergänzung zu einem unserer anderen Artikel hier:
Ein Jahr, bevor er 1965 den Nobelpreis verliehen bekam, war der US-Physiker Richard Feynman Teil eines kalifornischen Komitees zur Auswahl der Schulbücher des Staates. Von seinen teils haarsträubenden Erfahrungen berichtet er in seinem Aufsatz „Judging Books by Their Covers“ (Sprichwort, zu dt. etwas nur von außen beurteilen, wörtlich: Bücher nach ihrem Umschlag einschätzen), der als Kapitel in seiner Autobiographie „Surely You’re Joking, Mr. Feynman!“ erschien.
Das Komitee musste die an öffentlichen Schulen verwendeten Bücher auswählen, und Feynmans Erscheinen wurde von allen begrüßt, da er der einzige Wissenschaftler unter den Lehrern und Schulangestellten war. Jedoch schienen nicht nur die Komiteemitglieder selber an ihrem Neuzugang interessiert, sondern noch eine ganz andere Gruppe, deren finanzielles Interesse rasch deutlich wurde. „Kaum war ich in das Komitee eingetreten, erhielt ich die ersten Briefe und Anrufe von Schulbuch-Verlagen“, erinnert sich Feynman. „Sie versicherten mir, wie sehr sie das Urteil eines Wissenschaftlers begrüßten; boten aber auch an, mir ihre Bücher und deren Art der Wissensvermittlung näher zu erklären und mir bei der Auswahl in jeder Hinsicht zu assistieren. Ich lehnte ab – als objektiver Kritiker wollte ich nur mit dem Material arbeiten, das Schüler und Lehrer auch erhalten würden: die Bücher selber.“
Es blieb allerdings nicht bei den Telefonaten. Am Vorabend seines ersten Komitee-Treffens wollte Feynman gerade sein Hotel verlassen, um ein wenig durch San Francisco zu schlendern und sein Abendessen einzunehmen, als zwei Männer, die in der Hotellobby gewartet hatten, aufsprangen. In typischer Gangsterfilm-Manier sprachen die ihm Unbekannten ihn mit seinem Namen an und boten ihm ihre Hilfe in jeder Hinsicht an. Abendessen?, "We can help you". Stadtführung?, "We can help you", Seine Ruhe haben wollen?, "Well, whatever you want, we can help you", Sein Wunsch sei ihnen Befehl.
Sie waren von einem Schulbuchverlag geschickt worden und zuckten mit keiner Wimper, als Feynman sie mit den Worten, er werde mitkommen und sich Ärger einhandeln, abwimmeln wollte. „Auch dabei können wir Ihnen behilflich sein …“, "I think we can help you in that, too."!
Dieses Erlebnis war beileibe kein Einzelfall; so erhielt Feynman zu Thanksgiving ein Päckchen getrockneter Früchte und allerlei Leckereien von einer ihm unbekannten Familie. Auf telefonische Nachfrage stellte sich heraus, dass es sich beim Absender um den Vertreter eines Schulbuchverlags handelte. Ein anderer Verlag schickte eine Ledertasche mit goldener Namensprägung.
Dass nicht nur das Handeln von Seiten der Verlage fragwürdig war, sondern auch die Arbeitsweise seiner Komiteekollegen, erfuhr Feynman durch Zufall. Zunächst fand er es lediglich befremdlich, dass seine Kollegen die Bücher, die er – nach sorgfältiger Lektüre – schlecht bewertet hatte, als „gut“ eingestuft hatten und seine Fragen nach der Begründung dafür stets ignorierten. Stattdessen wollten sie stets eine ausführliche Erläuterung seiner Bewertung hören – er war für sie eine Goldgrube, mit seiner wissenschaftlichen Denkweise und den ausführlichen Notizen dank seiner akribischen Arbeitsweise. Endlich jemand, der die Bücher nicht nur gelesen, sondern „durchgeackert“ hatte; dessen Wissenschaftlerseele empfindlich auf Unachtsamkeiten, unpräzise Formulierungen, logische Denkfehler und sonstige Mängel reagierte.
Die restlichen Komiteemitglieder teilten die Schulbücher an weitere Lehrer und Schulbeamte ihres Distrikts auf und sammelten deren Bewertungen später ein. Dass diese die Werke häufig nicht lasen bzw. überflogen, flog anhand eines Sets von drei Büchern auf, das allen Komiteemitgliedern zugesandt worden war. Es waren jedoch lediglich zwei der drei Bücher geschickt worden, wie Feynman aufzeigte, als er nach seiner Meinung gefragt wurde. Der Vertreter des Schulbuchdepots, von dem aus alle Bücher an die einzelnen Komiteemitglieder versandt worden waren, war bei der Sitzung des Ausschusses zugegen und erklärte, dass das dritte Buch nicht rechtzeitig zum Drucktermin fertig gewesen war, weswegen der Verlag eine Attrappe mitgeschickt hatte – also ein Buch, das von außen ganz normal aussah, aber lediglich leere Seiten aufwies.
Peinlich nur, dass sechs der zehn Komiteemitglieder das fehlende Buch durchaus bewertet hatten – sogar mit überdurchschnittlich guten Noten.
Es ist ja nur menschlich: heutzutage ist jeder im Stress – auf den Schreibtischen stapelt sich die Arbeit, und gerade Lehrer stehen häufig vor dem viel zitierten Burn-out. Es nimmt nicht wunder, dass einige – natürlich nicht alle, aber in unserem Komitee beispielsweise ja mehr als die Hälfte – da mal fünfe gerade sein lassen und zur Beschleunigung einfach mal Punkte vergeben, ohne das Werk auch nur angesehen zu haben. Ist ja nicht so schlimm, denkt man sich, das machen ja auch nicht alle, eine Bewertung mehr oder weniger, die sich ja ohnehin im durchschnittlichen Bereich bewegt, kann das Ergebnis doch nicht so verfälschen. Da aber doch mehr Quotenfälscher unterwegs sind als gedacht – siehe Beispiel Buchattrappe oben – wird das Ergebnis eben entsprechend verfälscht. Bei sechs Bewertungen anstelle von zehn fließen die fehlenden Bewertungen nicht in das Endergebnis mit ein; so schneidet das Buch zum Teil gar besser ab als ähnliche Bücher, die tatsächlich von allen gelesen und bewertet wurden.
Was dem Fass Feynmans Meinung nach den Boden ausschlug, war die Tatsache, dass die mit viel Mühe und nach unzähligen Stunden Lektüre zusammengestellte Liste schließlich aus finanziellen Gründen gnadenlos zurechtgestutzt wurde – bis sie nur noch ein kümmerlicher Rest ihrer selber war. Das Komitee hatte die in vieler Hinsicht ungenügende Basis-Lektüre um Zusatzbücher ergänzt – die jedoch im Zuge der Kürzungen allesamt gestrichen wurden. Wieviel unnötige Arbeit wäre dem Ausschuss erspart geblieben, wäre von Anfang an ein Betrag festgesetzt worden, der auch tatsächlich zur Verfügung stand! So hatten Feynman & Co. sich letztlich umsonst den Kopf zerbrochen, welche Schulbücher die besten waren – umsonst, aber nicht ohne Kosten natürlich.
Übrigens: die Herausgeber von The Textbook Letter, die Feynmans Erlebnisse aus den Sechzigern abdruckten, versichern, dass sich trotz der vergangenen Jahrzehnte nichts an der Situation geändert hat. Es herrscht immer noch eitel Sonnenschein und bestes Einvernehmen zwischen staatlichen Behörden und Schulbuchverlagen.

