Muttersprache Englisch?

In der Englischstunde widerfuhr mir das zweite Schockerlebnis bezüglich des Schulniveaus. Zentraler Lerninhalt, und daher Ausgangspunkt zur Benotung, war die Fähigkeit zum Verfassen von Aufsätzen bzw. die Erweiterung des Wortschatzes. Wer kennte nicht Vokabelprüfungen, Klausuren und Hausaufgaben über ein bestimmtes Aufsatzthema?

Die Verbesserung der Ausdrucksfähigkeit ist durchaus auch Teil unserer Lehrpläne, unterscheidet sich aber von Österreich z.B. in einem wesentlichen Aspekt: das Aufsatzschreiben beschränkte sich auf das tägliche Verfassen von Journals. Jeden Tag nach dem Läuten mussten die Schüler zehn Minuten lang ca. eine halbe A4-Seite über ein frei wählbares Thema schreiben. Nicht etwa über einen in der letzten Stunde durchgenommenen Autoren oder eine Rezension über ein Buch. Der Inhalt beschränkte sich vielmehr bei den meisten Schülern auf die Beschreibung banaler Tätigkeiten wie das Aufstehen oder der Weg in die Schule. An ein Literaturthema war überhaupt nicht zu denken. Auffallend war, dass selbst die Hürde einfacher Aufgabenstellungen von manchen Schülern nur mit großen Anstrengungen überwunden werden konnte. Die Unfähigkeit einerseits etwas zu Papier zu bringen und die mangelnden Grammatik- und Rechtschreibkenntnisse anderseits stellten ein großes Problem dar.

Zur Beherrschung einer Sprache reicht eine perfekte Kenntnis der Grammatik nicht aus, sondern selbstverständlich muss auch der Wortschatz ständig erweitert werden. Auf Grund dessen besprachen wir wöchentlich zwanzig neue Vokabeln, für mich, dessen Muttersprache nicht Englisch ist, eine praktische, hilfreiche Übung. Müsste ich allerdings im Deutschunterricht in Österreich wöchentlich zwanzig Vokabeln lernen, würde mir das höchst lächerlich, ja niveaulos vorkommen, schlichtweg eine Zeitverschwendung! Wörter wie »Angst« mit »Furcht« zu umschreiben (abgesehen von dem doch beträchtlichem Bedeutungsunterschied), kann für eine zehnte Schulstufe nicht angebracht sein. Sollte das dem Niveau ein Jahr vor Matura bzw. Abitur entsprechen? Schließlich erfolgte zu Ende der Woche die Prüfung der Kenntnisse durch einen Vokabeltest. In zwanzig Sätzen war jeweils eines der Wörter zu ergänzen. Für einige Schüler einfach unmöglich.

RM