Exzeptionalismus

Im Bewusstsein der Amerikaner bilden die Vereinigten Staaten eine Art Vorbild für den Rest der Welt, da sie sich grundlegend vom eben diesem "Rest" unterschieden und Freiheit und Demokratie verbreiten würden.
Der Exzeptionalismus wird beispielsweise in dem vorher erwähnten Video über Sarah Palin herangezogen, um zu demonstrieren, wie wenig grundlegendes Wissen sie habe, denn das sei eine bekannte Doktrin. In der Tat: den Inhalt kennen wir hier auch alle, nur wird der Begriff den meisten unbekannt sein.
Er bedeutet, dass die USA so toll, einmalig und einzigartig auf der Welt sei - kulturell, historisch, politisch und religiös, dass sie dort eine führende (Ordnungs-)Rolle zu spielen habe.
Klar ist: wer rund 340 Mal täglich im Jahr in der Schule patriotische Reden (Allegiance to the flag) oder Gesänge über sich ergehen lassen muss, immer hübsch mit der Hand auf dem Herzen - und wehe er würde ausscheren! - dazu noch `zig Mal bei anderen Gelegenheiten, und das alles jahrelang, der wird durch diese Konditionierung ein ganz seltsames, eigenes Selbstverständnis entwickeln ...

Ja, dieser Erwähltheitswahn drückt sich u.a. in dem Wort von Amerika als "God’s Country“ aus.  Selbst auf den Dollarnoten steht wie erwähnt "In God we trust".
Ein "Gottesstaat"? Geschichtlich gesehen knüpft das an einen anderen, Amerikanern geläufigen Begriff, nämlich der Jeremiade an. In der Tat waren die britischen Kolonien in Hinblick auf einen Gottesstaat, die "Stadt auf dem Hügel", gegründet worden. Von dort aus wollten die Frommen einst wieder zurück nach England und ihren Landsleuten den rechten Glauben oder die richtigen puritanischen Flötentöne beibringen. Das war das Ziel gewesen. Fortschreitendes Lotterleben in den britischen Kolonien verhinderte jedoch die Umsetzung dieses Wunsches.

Dumm auch, dass andere ähnliche konkurrierende Herleitungen machen und Ansprüche erheben.
Ja, selbst Neuseeländer reden ähnlich von ihrem Land als "God’s Own Country", diesmal mit einen "own" darin.

Welcher Bezug existiert zwischen diesem Wahn und vielen imperialistischen Zügen der amerikanischen Politik?
Aufgrund ihrer Erziehung, dem allgegenwärtigen patriotischen und nationalistischen Gehabe an den Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen verharren Amerikaner in Unmündigkeit. Die pseudoreligiöse Ideologie von ihrer "Einzigartigkeit" und Gottauserwähltheit verhindert bei vielen Amerikanern eine Auseinandersetzung mit der Realität. Amerikaner bleiben naiv, leben in ihrem amerikanischen Kokon, ignorant, gutmenschenhaft, unfähig, die Außenwelt zu erkennen und zu analysieren. Sie verstehen den weitverbreiteten Antiamerikanismus nicht, täten sie doch so viel für Frieden, Freiheit und Demokratie.

Professor Günter Bischof, ein in New Orleans lehrender und forschender Österreicher, analysierte die Anlobungsrede von US-Präsident George W. Bush.
Sie stehe klar in der Tradition des "amerikanischen Exzeptionalismus". Die amerikanische Freiheit rühre direkt von Gott her, und Amerika sei eine besondere Nation mit einem besonderen Draht zu Gott. Ganze 49 Mal habe Bush sich auf die Freiheit bezogen, davon fünf Mal unter direktem Verweis auf einen Gott.
Auch Nachfolger Obama steht unter dem Einfluss eines Gottes.